Ergebnisse aus der Bedarfserhebung

Bedarfserhebung: Qualitative Auswertung der Interviews

Träger/ Einrichtung (NRW und Bundesweit)
An der Befragung haben hauptsächlich Träger und Einrichtungen aus NRW teilgenommen. Um einen breiteren Überblick über die aktuelle Beratungssituation zu erhalten, wurden jedoch auch Träger befragt, die bundesweit tätig sind. Insgesamt wurden 36 Interviews durchgeführt, an denen Leiter, Fachkräfte, Bildungsreferenten und Projektkoordinatoren aus Stiftungen, Jugendwerken, Jugendämtern, Städtebüros, Fachstellen und Koordinierungsstellen für Internationale Jugendarbeit, Kommunalverbänden, sowie freien und kirchlichen Trägern der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit teilgenommen haben. Die Befragung wurde in Form von telefonischen Leitfrageninterviews durchgeführt. Die befragten Personen wurden auf Grundlage intensiver Internetrecherchen und bestehender Kontaktlisten ausgewählt und kontaktiert.

Bestehende Beratungsangebote
Adressaten/ Zielgruppen
Die Interviews zeigen, dass nur in Einzelfällen (6 von den 17 Einrichtung, die Beratung anbieten) eine breit aufgestellte Beratung angeboten wird, die sich tatsächlich an alle Interessenten der  internationalen Jugendarbeit (Im Folgenden IJA) richtet. Bei 5 von 17 Einrichtungen richtet sich die Beratung an Träger und Schulen, jedoch nicht an interessierte Jugendliche und nur 2 Einrichtungen beraten ausschließlich interessierte Jugendliche. Die Jugendlichen, die an Projekten teilnehmen möchten, müssen meist durch eigene Recherchen überhaupt auf die Beratungsstellen aufmerksam werden. In einigen Fällen findet auch eine Vermittlung von Jugendlichen an entsprechende Beratungsstellen statt, doch gerade durch diese Formen der Beratung erscheint es schwierig die Zielgruppe der sogenannten bildungsbenachteiligten Jugendlichen zu erreichen. 4 von 17 Einrichtungen gaben an, dass die Beratung aus diversen Gründen (unter anderem begrenzte Kapazitäten) nur intern bzw. nur für Mitgliedsorganisationen zu den eigenen Themen- und Projektschwerpunkten angeboten wird.

Inhalte/ Bereiche
Sofern die Beratung für alle Zielgruppen angeboten wird, umfasst diese meist das gesamte Spektrum von den Voraussetzungen, der Organisation, Planung und Partnersuche bis hin zur Durchführung und den Verwendungsnachweisen. Teilweise wird Beratung für Einrichtungen und Fachkräfte nur mit dem Schwerpunkt „Förderprogrammberatung“ angeboten und umfasst dann hauptsächlich Informationen zu finanziellen Mitteln und deren Beantragung. Unter anderem werden auch pädagogische Hilfestellungen angeboten. Nur in den Fachstellen und Koordinierungsstellen für IJA wird versucht eine begleitende Beratung für sogenannte bildungsbenachteiligte Jugendliche anzubieten, damit diese Zielgruppe tatsächlich ins Ausland gelangt. Vereinzelte Einrichtungen können meist nicht speziell auf die Anforderungen der Zielgruppe eingehen.

Form der Beratung
Die Beratung findet in den meisten Fällen telefonisch statt. Oftmals werden Info- und Vernetzungstage, Fachforen und Bildungsmessen angeboten, die auf die Vernetzung interessierter Personen und Fachkräfte abzielen und Informationen zu ausgewählten Schwerpunktthemen anbieten. Den Interviews zufolge werden solche Veranstaltungen meist auf den Homepages der Einrichtungen oder in der lokalen Zeitung angekündigt, allerdings werden über diesen Wegen meist (zu 90%) Gymnasiasten und gut vernetzte Fachkräfte erreicht, die ohnehin bereits den Zugang zu solchen oder ähnlichen Angeboten haben. Eine befragte Person gab an, dass auch ausgebildete Trainer buchbar sind, die bei allen Fragen der IJA unterstützen können (Förderung, Planung, formale Fragen und auch inhaltlich-methodische Fragen). Auch Beratung in Form einer Vermittlung an entsprechend qualifizierten Fachstellen wird insbesondere von Einrichtungen angeboten, die meist aufgrund von fehlenden Qualifizierungen oder mangelnden Kapazitäten nicht eigenständig beraten können.

Qualifizierung
Qualifizierungsangebote
Den Aussagen der Befragten zufolge bieten einige Einrichtungen diverse Qualifizerungsmöglichkeiten an. Dabei handelt es sich meist um offene Info- und Veranstaltungstage, sowie Workshops zu konkreten Schwerpunktthemen (z.B. Antragsstellung) für Erfahrene und Neueinsteiger oder ausschließlich für Mitgliedsorganisationen. Eine Einrichtung hat bislang auch eine mehrwöchige Veranstaltung angeboten. Außerdem bilden einige Einrichtungen Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, um Interessenten auf den neusten Stand zu bringen. Des Weiteren werden regionale Foren eingerichtet und Modellprojekte durchgeführt und präsentiert. Die Mobilitätslotsenschulungen, die bislang durchgeführt wurden, sind den Befragten zufolge aufgrund der Sättigung an einigen Standpunkten eher Rückläufig, es müssten neue Standorte erschlossen werden, dafür gibt es aber keine Mittel. Trotz der bestehenden Angebote wird ein enormer Bedarf an spezifischen Schulungen für Fachkräfte sichtbar, die mit bildungsbenachteiligten Jugendlichen arbeiten oder arbeiten wollen- z.B. zu speziellen Formaten der IJA- hierzu gibt es bislang keine angemessenen Angebote.

Anfragen für Qualifizierungsangebote
Insgesamt geben 10 von 17 Befragten an, dass es viele Anfragen von Fachkräften für Qualifizierungsangebote gibt. Der Grund dafür liegt in den Anforderungen, die mit der IJA verbunden sind: „Man muss fit sein- Der Bereich der internationalen Jugendarbeit ist vielfältig“ und das merken viele Fachkräfte, die in der IJA tätig sind oder tätig werden wollen. Doch für entsprechende Angebote, die den gesamten Bedarf abdecken, fehlen meist die Ressourcen. Andererseits geben einige Befragte an, dass bei Ihnen keine Anfragen landen, weil denjenigen Fachkräften, die nicht anfragen, oftmals der Zugang zur IJA fehlt und deshalb erkennen diese den tatsächlichen Qualifizierungsbedarf nicht.

Eigene Qualifizierung
Fast alle Befragten (15 von 17) geben an, dass eine Qualifizierung erwünscht ist und dass die Beratung bislang hauptsächlich auf Grundlage von jahrelangem Erfahrungswissen oder selbst erarbeitetem Wissen (eigene Recherchen z.B. zu den Förderrichtlinien) erfolgt. Eine befragte Person sagte dazu: „Wir machen uns gemeinsam mit denen, die anfragen, auf den Weg und suchen, weil jeder Fall individuell und anders ist“. In einigen Fällen haben die Befragten bereits an Fortbildungen teilgenommen oder arbeiten in Einrichtungen, die ihre Mitarbeiter qualifizieren und teilweise auch eigene Fortbildungsangebote anbieten. Nur eine Befragte Person gab an, dass eine Qualifizierung nicht als notwendig erachtet wird, weil keine aktive, umfangreiche Beratung durchgeführt wird. Eine Person gab an bereits an Mobilitätsschulungen bei Eurodesk und Seminaren, Förderworkshops und Veranstaltungen von IJAB teilgenommen zu haben, weshalb sie sich als qualifizierter Bildungsberater versteht.

Verhältnis von personellen Ressourcen und Anfragen
Die Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis von personellen Ressourcen und Anfragen waren besonders davon abhängig, wie viele Anfragen eine Einrichtung erhält und wie diese im Bereich der Beratung aufgestellt ist. Wenn die Beratung nur intern oder für Mitgliedsorganisationen angeboten wird, geben die Befragten an, dass die personellen Ressourcen ausreichen. Die Beratung wird in diesen Fällen als Nebenbeschäftigung angesehen und bildet nicht den Schwerpunkt der jeweiligen Fachkräfte. Auch bei den Fachstellen und den Koordinierungsstellen für IJA reichen die personellen Ressourcen aus, „doch mehr Personal bedeutet immer auch ein breiteres Angebot“, das mit den bestehenden Ressourcen nicht bereitgestellt werden kann. Kleinere Einrichtungen, die Beratung anbieten, betonen den Mangel an zeitlichen, personellen sowie finanziellen Kapazitäten, worunter vor allem die Beratungsqualität leidet. Als einzige Lösung fundieren in diesen Fällen Aufstockungen bestehender Stellen, obwohl in einigen Fällen sogar 3-4 zusätzliche Vollzeitstellen angesichts der hohen Anfragen als notwendig erachtet werden. Eine Einrichtung, die Bundesweit Infoveranstaltungen anbietet, gab an, dass die personellen Ressourcen gerade mal ausreichen, um jedes Bundesland durch Angebote und Veranstaltungen vor Ort alle 4 Jahre zu beraten. Angesichts der rasanten Entwicklungen im Bereich der internationalen Jugendarbeit erscheinen diese zeitlichen Abstände jedoch zu groß. Auch eine Jugendamtsmitarbeiterin berichtete, dass die Ressourcen zwar ausreichen, um diejenigen zu beraten, die anfragen, doch sie reichen nicht aus, um IJA auch tatsächlich voranzutreiben und Neueinsteiger oder bislang nicht angesprochene Zielgruppen auf Maßnahmen und Möglichkeiten aufmerksam zu machen.

Bereitgestelltes Info-/ Beratungsmaterial, Veröffentlichungen
10 von 17 befragten Einrichtungen stellen auf ihrer Homepage Materialien zur Verfügung, die sich an interessierte Einrichtungen, Träger und Fachkräfte richten. Insgesamt findet man auf den Internetseiten der Einrichtungen Infomaterialien und Publikationen zu unterschiedlichen Themen oder auch Handbücher und allgemeine Einführungen zur IJA. Nach Angaben der Befragten Personen zeigen die Rückmeldungen und Anfragen, die bei den entsprechenden Einrichtungen landen, dass das Material auch tatsächlich in Anspruch genommen wird. Als Problem wird jedoch oftmals der Zugang zu den Materialien genannt, da diese in einigen Fällen eher „versteckt“ sind und nur durch intensive Recherchen oder den Hinweis von Mitarbeiter*innen gefunden werden können. Dadurch ist das Material nur für bereits gut vernetzte Fachkräfte zugänglich. Gewisse Veröffentlichungen müssen zudem bestellt werden oder beziehen sich nur auf konkrete Projektvorhaben, die sich an Konzepte der jeweiligen Einrichtung orientieren und in Zusammenarbeit mit dieser durchgeführt werden müssen. Zudem geht das Material meist nicht auf Bedarfe der Zielgruppe der sogenannten benachteiligten Jugendlichen ein. Des Weiteren gab eine Einrichtung an, dass das Material nur Mitgliedsorganisationen zur Verfügung gestellt wird.

 Sofern Beratungsmaterial zur Verfügung gestellt wird, umfasst dieses konkrete Schwerpunktthemen wie Förderrichtlinien, Förderverfahren, Formblätter, Bedingungen oder Ansprechpartner. Das Beratungsmaterial ist jedoch in den meisten Fällen, wie beispielsweise bei den Jugendwerken, Themen- und Länderspezifisch und kann somit nicht von allen Interessenten der IJA genutzt werden. Auch bei den kirchlichen Trägern sind Materialien meist an der eigenen Arbeit und den eigenen Wertvorstellungen gebunden und richten sich demnach entweder an Mitgliedsorganisationen oder an Einrichtungen, die in Zusammenarbeit mit diesen kirchlichen Trägern ein Projekt durchführen möchten. Die Jugendämter gehören zu den befragten Einrichtungen, die meist kein eigenes Material veröffentlichen. Einzelne Jugendämter verweisen daher auf ihrer Homepage oder auch während der Beratungen nach eigenen Angaben auf das Material von Fachstellen der IJA und stellen dieses auf Fachmessen und Infotagen aus. Von den befragten Jugendämtern gaben nur das Jugendamt Bochum und das Jugendamt Essen an, dass eigenes Material konzipiert und veröffentlicht wird. Die informative „Handreichung zum Kinder- und Jugendförderplan 2015-2020“ vom Jugendamt Bochum und die Internetseite „Townload“, die speziell auf die Beratung von Jugendlichen aus Essen und deren Interessen auch zu Themen der IJA eingeht, sind Beispiele der Arbeit von Jugendämtern. Allerdings werden darüber meist nur Interessenten aus der eigenen Stadt und Umgebung erreicht.

 Ausführlichere Infomaterialien finden sich auf den Internetseiten der teilweise bundesweit ausgerichteten Fachstellen der IJA. Einige Beispiele für solche Materialien sind die Publikationen „Qualität in Formaten der internationalen Jugendarbeit“ und „Weiterentwicklung von Formaten und Methoden der internationalen Jugendarbeit für benachteiligte Jugendliche“ von IJAB. Die Publikation des Deutschen Bundesjugendrings „Projektmanagement leicht gemacht“. Die Handreichung von IDA-Transfer zum Thema „Diversitätsbewusste (internationale) Jugendarbeit“, sowie die Schriftenreihe zur internationalen Jugendmobilität. Auch der Bericht zum Projekt „MobilPLUS – Partizipation benachteiligter junger Menschen durch neue Formate der Internationalen Jugendarbeit“ der AWO, BAG EJSA, BAG ÖRT und IB kann als informative Quelle herangezogen werden. Zu den Fördermöglichkeiten gibt es außerdem direkte Informationen bei den Förderstellen, wie z.B. dem LWL, der Interessenten ein Merkblatt zur Antragstellung für Einzelprojekte im Jahr 2015 mit Vorschlag zur Gliederung eines Projektantrags“ bereitstellt.

Weitere wichtige Gesichtspunkte/ Sonstiges
Besonders interessant erscheint die Tatsache, dass 14 von insgesamt 36 Befragten angaben, dass ihre Einrichtung keine Beratung anbietet. Negativ fiel vor allem die Aussage einer Befragten auf, die nicht wusste, „was internationale Jugendarbeit genau ist“. Aufgrund dessen konnte auch kein Interview geführt werden. Außerdem zeigten sich 5 befragte Personen nicht kooperativ und verweigerten auf unfreundlicher Art und Weise ein Interview, weil das aktuelle Forum keine Mitgliedsorganisation des Trägers ist. Eine Einrichtung verweigerte das Interview mit der Begründung, dass ein Interview nicht sinnvoll sei, weil die Einrichtung zu umfangreiche, komplexe Strukturen aufweist und die Beratung im familiären Klima nur für Mitgliedsorganisationen erfolgt! Zudem schien eine befragte Person „Angst vor Konkurrenz“ zu haben, da sie auf die Frage nach bestehenden Lücken im Beratungsangebot innerhalb von NRW antwortete, dass man sowohl in Beratungs- als auch in Qualifizierungsfragen nicht die „NRW Brille“ aufhaben sollte. Es gibt ihrer Meinung nach genügend bundesweite Angebote, auf die Fachkräfte zurückgreifen können und die berücksichtigt werden sollten, da diese Angebote leicht zugänglich und bekannt sind. Der folgende Abschnitt verdeutlicht, dass dies leider nicht der Realität entspricht und dass in diversen Bereichen durchaus lückenhafte Strukturen bestehen.

„Lücken“ im Beratungsangebot
Die 17 Interviews mit Leitern, Fachkräften, Bildungsreferenten und Projektkoordinatoren, deren Träger/ Einrichtung Beratung zur IJA anbietet, verdeutlichen, dass es für den Bereich der IJA bundesweit und auch speziell in NRW Verbesserungspotential gibt. Insbesondere weisen die Befragten auf große Lücken und „deutlich Luft nach oben“ im Bereich der Beratung und Teilnahme bildungsbenachteiligter Jugendlicher und Migrantenselbstorganisationen hin. Bislang wurde bereits mehrfach wissenschaftlich bewiesen, dass Erfahrungen im fremdkulturellen Kontext eine intensive und prägende Wahrnehmung von Unterschieden zum eigenen gewohnten Umfeld zulassen und gerade deshalb eine Chance zum Erlernen des Umgangs mit Differenzen sind. Der Stand der Forschung verdeutlicht die Notwendigkeit internationaler Begegnungen zwischen jungen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Ländern, doch gewisse Zielgruppen haben bisher trotz dieser Erkenntnisse wenig Zugang zu internationalen Maßnahmen. Bildungsbenachteiligte Jugendliche und Migranten gehören zu den Zielgruppen, deren Teilnahme an Bildungsangeboten und internationalen Projekten durch den Mangel an Angeboten, die ihre Bildungsschwierigkeiten und soziale und finanzielle Lage berücksichtigen, erschwert wird. (Vgl. Schroeder 2011: 183f.) Angesichts des Potenzials internationaler Erfahrungen wäre jedoch eine Teilnahme aller Zielgruppen besonders auch derer, die bislang ausgeschlossen wurden, förderlich. Gemäß der „Leitlinien der internationalen Jugendarbeit von Bund und Ländern“ wird deshalb von allen Beteiligten erwartet, verstärkt benachteiligte junge Menschen in die Programme der internationalen Jugendarbeit einzubinden und insbesondere auch den ausbildungs- und berufsbezogenen Jugendaustausch auszubauen. Alle Beteiligten in Bund, Ländern und Gemeinden sind deshalb gefordert, die Förderung der Internationalen Jugendarbeit zu unterstützen. (Vgl. BMFSFJ 2001: 3)

Die Befragung zeigt jedoch, dass es in fast allen Einrichtungen (außer Fachstellen der IJA) keine Mitarbeiter*innen gibt, die sich ausschließlich mit zielgruppenspezifischer Beratung beschäftigen, weil die Integration sogenannter bildungsbenachteiligter Jugendlicher, sofern diese überhaupt einbezogen werden, als Querschnittsaufgabe verstanden wird. Eine Befragte Person sagt dazu: „Wenn es keinen Bedarf gäbe, dann würde es auch für mich nichts zu tun geben- das ist nicht der Fall!- Die Anfragen sind hoch und es gibt Lücken- speziell auch im Bereich der IJA mit bildungsbenachteiligten Zielgruppen“. Den Befragten zufolge kommen Informationen bei diesen Zielgruppen gar nicht erst an. Es wird betont, dass die Zugangswege erweitert werden müssen und die Zielgruppen über den Ausbau der Kooperation und Beratung von Schulen, Jugendzentren, Berufsbildungsträgern etc. angesprochen und überzeugt werden- dazu reichen einfache Infomaterialien nicht aus.

Außerdem passen neben der Beratung auch die angebotenen Programme und Formate nicht zu den oben genannten Zielgruppen und ihren Bedürfnissen, so dass eine Teilnahme schon im Voraus ausgeschlossen ist. Diese Jugendlichen haben meist „ganz andere Baustellen“ und können nicht für ein halbes oder auch ein ganzes Jahr ins Ausland (z.B. Freiwilligendienste). Somit bleiben vor allem die Zielgruppen, die von einer Teilnahme besonders profitieren würden, unterrepräsentiert oder auch ganz von Maßnahmen der IJA ausgeschlossen. Die Studie von A. Thomas/C. Chang/ H. Abt, verdeutlicht die Langzeitwirkungen der Teilnahme an internationalen Jugendbegegnungen auf Grundlage von über 600 Interviews mit ehemaligen Teilnehmer*innen und zeigt „dass Diskrepanzerfahrungen in Form der Begegnung und des Erlebens kritischer Interaktionssituationen in der Begegnung mit Menschen anderer Kulturen und die aktive Bewältigung solcher Situationen interkulturelle Lernprozesse anstoßen, die nachhaltige Wirkungen in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung zeigen“. (2007: 275) Die Notwendigkeit von IJA wird außerdem insbesondere angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen deutlich. Unter anderem auch durch die Entwicklung hin zu einer globalen Welt, in der Mobilität und kulturelles Kapital in unterschiedlichen Bereichen des gesellschaftlichen und beruflichen Lebens vorausgesetzt werden. IJA gibt jungen Menschen genau die Möglichkeit andere Kulturen und Lebensformen kennenzulernen und sich mit diesen auseinanderzusetzen und fördert dadurch Toleranz, Verständnis und Offenheit als drei Basiskompetenzen heutiger Gesellschaften. (Vgl. BMFSFJ 2001: 1ff.) Notwendig erscheinen demnach weitere Qualifizierungen der Fachkräfte, um die entsprechenden Zielgruppen beraten zu können und angemessene Projektformate entwickeln zu können. Denn auch abgesehen von den hohen Anforderungen einer zielgruppengerechten Beratung geben befragte Personen an, bereits aufgrund fehlender Qualifizierungen oder mangelnder Vernetzungen an der allgemeinen Beratung zu scheitern. Vor allem der Ausbildungsstand der Fachkräfte, der meist zu gering ist, muss verbessert werden, weil es in so einem vielfältigen und anspruchsvollen Bereich, wie den der IJA, nicht ausreicht nur auf Grundlage von Erfahrungen zu beraten. Außerdem gibt es den Befragten zufolge bei vielen Trägern hinsichtlich der IJA mit dieser Zielgruppe Kapazitätsprobleme. Träger sollten demnach personell stärker unterstützt werden, damit auch die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung stehen, um mit der Zielgruppe zu arbeiten. Es ist insbesondere eine Landesaufgabe Mittel und Möglichkeiten bereitzustellen, damit auch die entsprechende Motivation bei den Mitarbeiter*innen gestärkt oder aufrechterhalten werden kann. „IJA muss als Chance angesehen werden- das ist jedoch bislang eher bei den jungen Leuten, den Neueinsteigern der Fall“.

Wenn es um Bundesmittel geht, ist die Beratung gut aufgestellt, da die Jugendwerke im Allgemeinen gut aufgestellt und gut vernetzt sind. Doch die Befragung zeigte, dass die Beratung der Jugendwerke keinen entscheidenden Bereich an Bedarfen abdeckt, da sich die Beratung nur auf konkrete Städte- und Länderpartnerschaften bezieht und dementsprechend auch nur die entsprechenden Richtlinien, Kriterien und Formate berücksichtigt. Interessierte Fachkräfte oder Jugendliche, die andere Projekte durchführen oder an anderen Projekten teilnehmen möchten, können diese Angebote nicht nutzen. Den Ergebnissen zufolge fehlt aufgrund dessen vor allem eine allgemeine Stelle, die Beratung bezüglich der Fördermittel aus einzelnen Stiftungen anbieten kann und bei IJA-Maßnahmen außerhalb der Jugendwerke Unterstützung leistet. Bislang fehlt in NRW eine zentrale Beratungsstelle, die auch bekannt und gut vernetzt ist und über eigene Recherchen der Fachkräfte und der Jugendlichen schnell gefunden werden kann. Ohne eine entsprechende Stelle müssen Jugendliche genau wissen, was sie wollen und wie sie sich ihren Austausch genau vorstellen, um etwas zu finden und deshalb bleiben gewisse Zielgruppen auch ausgeschlossen. Und auch Neueinsteiger und bislang nicht ausreichend vernetzte Fachkräfte brauchen eine Anlaufstelle, die sie zu allen möglichen Fragen der IJA und vor allem auch zu den Anforderungen und Möglichkeiten der Arbeit mit benachteiligten Zielgruppen informiert und dadurch auch motivierend wirkt.

Literatur- und Quellenangaben:
BMFSFJ (Hrsg.) (2001): Leitlinien der Internationalen Jugendpolitik und Jugendarbeit von Bund und Ländern. http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung5/Pdf-Anlagen/leitlinien-intern-jugendpolitik,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf (abgerufen am 05.05.2015).
Thomas, Alexander; Chang, Celine; Abt, Heike (2007): Erlebnisse, die verändern. Langzeitwirkungen der Teilnahme an internationalen Jugendbegegnungen. Vanderhoeck und Ruprecht Verlag.
Schroeder, Joachim: Jugendbildung durch internationale und interkulturelle Begegnungen?. In: Coelen, Thomas; Gusine, Frank (Hrsg.) (2011): Was ist Jugendbildung? Positionen-Definitionen-Perspektiven. Juventa Verlag Weinheim und München.